Mit System, Tiefe und Vertrauen an die DEL-Spitze
Die Straubing Tigers sind das Maß der Dinge in der PENNY DEL. Mit 39 Punkten aus 17 Spielen führt der Klub aus Niederbayern die Tabelle souverän an – und das mit einer Spielweise, die kaum Raum für Zufälle lässt. Was Straubing aktuell zeigt, ist das Ergebnis aus jahrelanger Aufbauarbeit, konsequenter Kaderplanung und einer Spielphilosophie, die taktische Strenge mit mannschaftlicher Freiheit verbindet. Der Erfolg ist kein Strohfeuer, sondern Ausdruck einer funktionierenden Organisation – vom Sportdirektor über den Trainer bis zum letzten Mann im Kader.
Ein Team ohne Stars – und gerade deshalb stark
Straubing hat in dieser Saison keine unumstrittenen Superstars, sondern ein Ensemble, das in seiner Geschlossenheit überzeugt. Jede Reihe kann Spiele entscheiden, jede Position ist doppelt besetzt, und jeder Spieler kennt seine Rolle. Diese Breite ist das, was die Tigers so gefährlich macht. Kapitän Marcel Brandt ist das Gesicht der Mannschaft. Mit 20 Punkten (9 Tore, 11 Assists) führt der Nationalspieler nicht nur die interne Scorerliste an, sondern verkörpert auch das Selbstverständnis des Teams: kompromisslos in der Defensive, kreativ im Aufbau, und mit dem unbedingten Willen, Verantwortung zu übernehmen. Neben ihm überzeugt Nicholas Halloran als eiskalter Flügelstürmer (9 Tore, 8 Assists) mit Speed und Präzision, während Stefan Loibl mit Übersicht und Spielintelligenz das Tempo im Angriff bestimmt. Und selbst in den weiteren Reihen findet sich Offensivpower: Elis Hede, gerade einmal 22 Jahre alt, hat bereits acht Treffer erzielt – und dabei gezeigt, dass Reife nicht unbedingt eine Frage des Alters ist.
Defensive Disziplin als Fundament
So stabil die Offensive trifft, so sicher steht die Defensive. Goaltender Henrik Haukeland ist die Lebensversicherung im Tigers-Tor. Mit einer Fangquote von 90,8 Prozent und einem Gegentorschnitt von 2,07 gehört der Norweger zu den besten Torhütern der Liga. Seine Ruhe, seine Übersicht und sein präzises Stellungsspiel machen ihn zum Fels in der Brandung. Davor arbeitet eine erfahrene Verteidigung mit Übersicht und Härte: Stephan Daschner, Nicolas Beaudin, Alex Green, Zac Leslie, Mario Zimmermann, Adrian Klein und erneut Allrounder Marcel Brandt bilden ein geschlossenes Bollwerk. Unterstützt von defensivstarken Stürmern wie Tim Brunnhuber und Justin Scott bilden sie das Rückgrat einer Mannschaft, die kaum unvorbereitet erwischt wird. Defensive Disziplin ist in Straubing keine Pflichtübung – sie ist Teil der Identität.
Die jungen Deutschen: Herzstück einer nachhaltigen Philosophie
Vielleicht das Bemerkenswerteste an diesem Tigers-Erfolg ist der Anteil junger, deutscher Spieler – und das Vertrauen, das sie genießen. Sportdirektor Jason Dunham hat über Jahre hinweg eine talentierte Generation nach Niederbayern geholt, die nun das Fundament für die Zukunft bildet. Tim Fleischer, Elis Hede, Danjo Leonhardt und die Förderlizenzspieler Simon Seidl, Tobias Schwarz sowie Linus Brandl sind mehr als Ergänzungsspieler – sie sind Teil der sportlichen DNA. Coach Craig Woodcroft vertraut ihnen nicht nur in ruhigen Phasen, sondern auch in entscheidenden Spielsituationen: Überzahl, Unterzahl, Fünf-gegen-Fünf. Gerade Elis Hede und Danjo Leonhardt haben sich als mutige, dynamische Energielieferanten etabliert. Sie bringen Tempo, Unbekümmertheit und Leidenschaft ins Spiel – Attribute, die das ohnehin strukturierte Tigers-System beleben. Tim Fleischer, mit starker Lauftechnik und hohem Spielverständnis, hat sich zu einem echten Zwei-Wege-Stürmer entwickelt, der auch in der Defensive Verantwortung übernimmt. Woodcroft geht dabei bewusst den Weg des Vertrauens. Er spricht regelmäßig davon, junge Spieler in Situationen zu bringen, in denen sie lernen, nicht nur reagieren, sondern gestalten zu können. Dieses Vertrauen ist spürbar – in der Körpersprache, in der Eiszeit, im Selbstverständnis. Auch die Organisation selbst steht hinter dieser Philosophie: Statt kurzfristig auf ausländische Routiniers zu setzen, fördert Straubing gezielt deutsches Potenzial. Das schafft Identifikation – auf dem Eis und auf den Rängen. Die Fans sehen Spieler, die nicht nur das Trikot tragen, sondern es mit Überzeugung füllen. In einer Liga, die lange auf Importspieler setzte, ist das Tigers-Modell fast schon eine Ausnahme – und ein Beispiel dafür, dass nachhaltiger Erfolg und Nachwuchsförderung kein Widerspruch sein müssen.
Craig Woodcroft: Der Architekt der Balance
Seit seiner Rückkehr im Sommer prägt Craig Woodcroft das Spiel der Tigers mit klarer Struktur und moderner Denkweise. Sein System steht für aggressives Forechecking, schnelles Umschalten und Passsicherheit – Eishockey, das fordert, aber auch begeistert. Woodcroft legt Wert auf Details, Kommunikation und taktische Disziplin. Jeder Spieler weiß genau, was er in welcher Situation zu tun hat. Gleichzeitig bleibt genug Raum für Kreativität – besonders für jene, die den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen. Das Zusammenspiel aus taktischer Präzision und spielerischer Freiheit macht Straubing aktuell so unberechenbar. Das Forechecking greift früh, der Gegner wird in die Ecken gedrängt, Puckverluste werden bestraft. Der Spielrhythmus: intensiv, klug, kompromisslos. Woodcroft fordert, aber er fördert auch – insbesondere den deutschen Nachwuchs. Er hat eine Kultur geschaffen, in der Fehler Teil des Lernprozesses sind, solange Einsatz und Lernwille stimmen. „Wir wollen Spieler entwickeln, nicht verstecken“, sagt er sinngemäß – und lebt das in jedem Spiel.
Spiele, die Maßstäbe setzten
Symbolisch für die Entwicklung stehen Partien wie das 6:2 gegen München, in dem die Tigers den Serienmeister mit Tempo und Entschlossenheit überrollten. Auch das 6:1 gegen Dresden war ein Statement: dominante Spielkontrolle, Effizienz und Selbstvertrauen. In diesen Spielen zeigte Straubing, dass die Mannschaft nicht nur diszipliniert, sondern auch spektakulär sein kann. Es ist das neue Gesicht eines Teams, das nicht mehr überrascht – sondern überzeugt.
Realismus trotz Euphorie
Trotz Tabellenführung bleibt man in Straubing auf dem Boden. Sportdirektor Jason Dunham und Coach Woodcroft wissen, dass die Saison lang ist und der Konkurrenzdruck hoch bleibt. Verletzungen, Formschwankungen, Belastung – alles Faktoren, die den Rhythmus stören könnten. Doch das Selbstverständnis ist gewachsen. Die Tigers haben sich vom leidenschaftlichen Außenseiter zu einem ernstzunehmenden Titelkandidaten entwickelt. Und sie tun es mit einem Stil, der authentisch ist – bodenständig, leidenschaftlich und durchdacht zugleich.
Fazit
Die Straubing Tigers sind kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat konsequenter Arbeit, sportlicher Weitsicht und klarer Werte. Defensive Stabilität, offensive Variabilität und taktische Klarheit bilden das Fundament – doch der wahre Kern des Erfolgs liegt im Vertrauen: Vertrauen in junge Spieler, Vertrauen in das System, Vertrauen ineinander. Wenn die Tigers ihre Linie halten, dann ist in dieser Saison vieles möglich – vielleicht sogar das, was noch vor wenigen Jahren als kühn galt: ein ernstes Wort im Titelrennen der Penny DEL mitzureden.
Autor: Ernst Wieninger
Foto: City-Press

